Lisa

Sehr oft sitze ich ja nicht hinter der Rezeption von Solvida. Mein Büro ist im Haus gegenüber. Die Mieten von Solvida kann ich mir nicht leisten. Sehr gern nehme ich aber am gemeinsamen Mittagessen teil. In der Zeit vor Corona! Jetzt halte ich Abstand. Die aktuelle Computerpanne zwang mich jetzt wieder ins Zentrum des Geschehens. Wenn man nicht so regelmäßig mitten drin ist, schärft das den Blick für Dinge, die sonst nicht auffallen. Was war es diesmal? Eine Pflegerin kommt mit Lisa am Arm durch den Club gelaufen. Lisa? Ich muss zweimal hinschauen. Tatsächlich! In der Senkrechten kannte ich sie nicht. Nur im Rollstuhl. Zu den Mahlzeiten haben wir keine feste Sitzordnung. Allerdings Gewohnheiten, die für einige Bewohner wichtig sind. Einige sitzen eben immer da, wo sie immer sitzen. Ich nehme mir den erstbesten freien Platz. Eines Tages ertönt ein zartes Stimmchen und fragt, ob ich mich nicht herübersetzen wolle, das sei doch immer so schön mit mir. Gibt es ein schöneres Kompliment? Wie kam es dazu? Frau R. (Ich bleibe immer bei der formellen Anrede, wenn ich nicht zum „Du“ aufgefordert werde, es sind schließlich erwachsene Menschen.) wurde zu Hause ambulant versorgt, bis die Familie den unhaltbaren Zustand nicht mehr tolerieren konnte. Es ging ihr sehr schlecht, man konnte von Verwahrlosung sprechen. Sie war sehr schwach, litt unter Dekubitus (Wundliegen) und hatte mehrere üble offene Stellen am Rücken. Man rechnete damit, dass sie sich innerhalb weniger Wochen endgültig verabschieden würde. Das sollte dann bei uns passieren. Das war vor etwa einem halben Jahr. Einige Zeit später konnte man sie schon im Rollstuhl zum Mittagessen bringen. Sie saß mir gegenüber und ich hörte ganz schwach von ihr „Ich kann das nicht essen!“ Ich fragte, ob es nicht schmeckt, ob ich etwas zerkleinern sollte oder was der Grund war. Wieder „Ich kann das nicht essen!“. Das Essen ging zurück. Erstaunt sah ich, dass sie das Dessert mit Appetit aß. Am nächsten Tag sagte ich zu ihr, dass sie sich das Dessert verdienen müsse. Es folgte der bekannte Dialog, aber sie aß fast die gesamte Vorspeise und einen Teil der Hauptmahlzeit. Damit hatte sie sich ihr Dessert redlich verdient und ich war sehr zufrieden mit ihr. Als sie einmal die Hauptspeise wirklich nicht mochte, es gab wohl Fisch, besorgte ich ihr ein zweites Dessert. Inzwischen wurde es zum täglichen Spiel zwischen uns und sie aß wieder regelmäßig. Mal mehr, mal weniger. Aber sie kam zusehends wieder zu Kräften. Ihr Dekubitus ist ausgeheilt. Kürzlich feierte sie ihren 91. Geburtstag. Nun sah ich sie laufen. Ich hätte nie gedacht, dass der Umgang mit alten Menschen so schön sein kann.