Gedanken zum Thema Pflege

Gedanken zum Thema Pflege

Aktuell wird viel über Pflege geredet. Da ist nicht alles so, wie es sein sollte. Es fehlt Geld, Personal und Pflegequalität. Das Thema ist zweifellos wichtig. Da SolvidaCare in diesem Bereich tätig ist, interessiert uns das Thema natürlich. Daneben bilden wir uns sogar einen gewissen Sachverstand ein. Deshalb wollen wir mit einigen Überlegungen zum Verständnis für die Thematik beitragen. 

 

Um Missverständnisse von Anfang an auszuschließen: Wir haben kein universelles Rezept zur Lösung der Pflegeproblematik. Wenn es ein solches gäbe, das alle Beteiligten zufrieden stellt und realisierbar und finanzierbar wäre, dann hätte der Erfinder künftig keine Zeit mehr für seine Überlegungen, sondern würde von Ehrung zu Ehrung eilen, wobei Nobelpreis und Heiligsprechung noch das Mindeste wären. Apropos, hier wäre schon ein winzig kleiner Beitrag zur Zeitgewinnung für mehr Effizienz, wozu auch immer: Sparen wir uns einfach die Deklination in jedem Satz. Also, mit „der Erfinder“ sind alle Personen und Personinnen gemeint, die erfinden. Ohne „die Erfinderin“ oder „das Erfindelkind“ extra zu erwähnen. Manchmal sind Modetrends, auch in der Sprache, einfach nur Quatsch! Respekt und Wertschätzung geht anders! Schon sind wir beim gesunden Menschenverstand angekommen. Der hilft bei den folgenden Überlegungen.

 

Neben allen Regeln und Vorschriften gibt es bei Pflegeleistungen zwei Hauptpersonen:

 

  1. Die Person, die gepflegt werden muss
  2. Die Person, die pflegt

 

Pflege muss bezahlt werden

Niemand wird abstreiten, dass ein menschenwürdiges Dasein von einer angemessenen Versorgung und, gegebenenfalls Pflege, abhängt. Wer sich nicht selbst versorgen kann oder Pflege braucht, benötigt andere Menschen, die das übernehmen. Diese Menschen müssen nicht nur anständig verdienen, um selbst angemessen zu leben, sondern in der Lage sein, für sich selbst so vorzusorgen, dass sie in derselben Situation später ebenfalls versorgt sind. 

 

Pflege ist oft sehr aufwendig

Nun nehmen wir einmal den zwar krassen, aber nicht so seltenen Fall, dass ein pflegebedürftiger Mensch rund um die Uhr versorgt werden muss. Der Tag hat 24 Stunden und die Woche 7 Tage. Dagegen hat der Arbeitstag eines herkömmlichen Arbeitnehmers nur rund 8 Stunden und die Woche 5 Tage. Dazu kommen Urlaub, Feiertage, Weiterbildung, vielleicht Krankheit oder Schwangerschaft. Das alles und mehr muss der Arbeitgeber kalkulieren. Rein rechnerisch benötigt ein Pflegedienst ziemlich genau 5 Angestellte, um einen Dienst permanent rund um die Uhr zu besetzen. Mit einer Person! Jetzt stellen wir uns eine pflegebedürftige Person von 100 kg vor, die sich nicht bewegen kann. Hier braucht die Pflegeperson Hilfe. Sogar mehrmals täglich. Schließlich will man den Patienten gut versorgen und ihm keine Schmerzen zufügen. Zur Unterstützung gibt es vielfältige Hilfsmittel. Auch die kosten Geld und können trotzdem oft die zweite oder gar dritte Pflegeperson nicht ersetzen. 

 

Pflege muss organisiert werden

Im Normalfall hatte der zu pflegende Mensch zu seiner aktiven Zeit ein Arbeitseinkommen von  100%. Nun, als Rentner hat er weniger, vielleicht 50%. Der pflegende Mensch jedoch braucht sein eigenes Einkommen zu 100%. Er verdient es sich, wie zuvor dargestellt, an 5 Tagen zu je 8 Stunden pro Woche. Das passt so nicht zusammen. Also muss die Pflegekraft mehr als einen Pflegebedürftigen versorgen, damit das Verhältnis der Einkommen passt. Sie kann das aber nicht rund um die Uhr jeden Tag. Also braucht es mehrere Pflegekräfte. Das wiederum muss organisiert werden. Beispielsweise von einem Pflegedienst. Da gibt es dann Dienstpläne, Fahrzeuge, Dienstkleidung, Buchhalter, Bürokräfte, Risiken und, oh Wunder, den Wunsch bzw. die Notwendigkeit, etwas zu verdienen. Damit die Kosten für die Pflegeversicherung und/oder die Betroffenen nicht ausufern, gibt es klar definierte Leistungen und dazu zwischen den Versicherungsträgern und den Pflegeverbänden oder -organisationen ausgehandelte Preise dafür. Damit muss der Pflegedienst klarkommen.

 

Pflege ist Zeit

Welche Schräubchen kann nun der Pflegedienst drehen, wenn das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag nicht passt? Das wichtigste Schräubchen ist die Zeit. Ein Pflegedienst verkauft  hauptsächlich Zeit. Die Zeit seiner Angestellten, in der die Kunden versorgt werden. Mehr Zeit - mehr Versorgung. Zu wenig Zeit - schlechte Pflegequalität, Unterversorgung. Wenn ein Pflegedienst perfekt organisiert ist und nichts dazwischen kommt, kann er vielleicht 80% der Arbeitszeit einer Pflegekraft gegenüber seinen Kunden abrechnen. Wenn der Dienst einer Pflegekraft um 07:00 Uhr anfängt, dann will sie ab dieser Sekunde bezahlt werden. Bis zum Feierabend. Ob die Zeit von Kunden bezahlt wird, oder nicht. Auch die Zeit der Mitarbeiter , die nicht direkt am oder beim Kunden arbeiten. Muss der Dienstwagen getankt oder gewaschen werden, geht das zu Lasten des Unternehmers. Weiterbildungen, Dienstbesprechungen, Urlaub, Buchhaltung, Organisation, Geschäftsführung - alles kostet Zeit. Zeit, die bezahlt werden muss. 

 

Zeit ist Geld

Das berechtigte Schutzinteresse der Pflegekräfte hat in Spanien gerade ein bemerkenswertes Urteil mit interessanten Folgen hervorgebracht: Manche Arbeitgeber nutzen ihre Angestellten aus, indem sie die Arbeitszeit nicht korrekt erfassen und Überstunden nicht korrekt abrechnen. Das will man ändern, indem man allen Arbeitgebern ab sofort eine korrekte Arbeitszeiterfassung per Stechuhr oder ähnlicher Methode vorschreibt. Nehmen wir ein Beispiel: Eine Pflegekraft ruft am Abend bei der Pflegedienstleiterin an, weil sie sich krank fühlt und am nächsten Tag ihren Frühdienst nicht antreten kann. Dieses Telefonat ist Arbeitszeit der kranken Mitarbeiterin, die erfasst werden muss. Es ist aber auch Arbeitszeit der Pflegedienstleiterin, die nun herumtelefoniert, um Ersatz zu organisieren. Die Zeit für diese Telefonate muss genauso erfasst werden, wie die Gesprächszeit mit den anderen Mitarbeitern, die ja in ihrer Freizeit angerufen werden. Natürlich sind dabei Zuschläge für Überstunden, Wochenend- oder Nachtarbeit zu berücksichtigen. Das alles muss der Lohnbuchhaltung mitgeteilt und von dieser korrekt abgerechnet werden. Wer bezahlt den Aufwand? Der Arbeitgeber! Der muss das als ordentlicher Kaufmann in seine Kalkulation einfließen und sich letztlich vom Kunden bezahlen lassen. Alles ganz einfach, oder?

 

Pflege ist Neokolonianismus?

Bei allen Differenzen scheint in einem Punkt Einigkeit zu bestehen. Es gibt Länder und Einkommensgefüge, in denen Pflegeleistungen billiger zu bekommen sind, als in Mitteleuropa. Also bietet sich als Lösung an, entweder Pflegekräfte zu importieren oder Pflegebedürftige zu exportieren. Na ja, die Ausbeutung von Kolonien und Sklaven hat ja nicht nur gute Erinnerungen hinterlassen, sondern auch massive Spätfolgen. Abgesehen von ethischen Überlegungen gibt es noch ganz handfeste Gründe, skeptisch zu sein. Wir holen Menschen aus anderen Kulturkreisen und Gesellschaftssystemen zu uns, damit sie hier billiger als Einheimische arbeiten. Oder Arbeiten verrichten, für die keine Einheimischen zu finden sind. War da nicht mal was? Heute bejammern wir die mangelnde Integration der Türken, die wir selbst geholt hatten. Ohne Plan, was passiert, wenn sie nicht mehr arbeiten. Man regt sich auf, dass Renten in die Türkei bezahlt werden. Leute, die wir heute für wenig Geld bei uns arbeiten lassen, zahlen deshalb heute auch wenig in das Sozialsystem ein. Später brauchen sie vielleicht selbst Pflege aus diesem System. Das Recht dazu haben sie redlich erworben. Erst kommen Polen, dann Rumänen, dann vielleicht noch billigere Leute aus Bangladesh und Burkina Faso? Frühere Billigländer wie Japan, Südkorea, Taiwan und inzwischen auch China sind heute Hightechriesen, die mit uns konkurrieren. Irgendwann werden wir auf der Welt niemanden mehr finden, der billig unseren Dreck weg macht. 

 

Fazit

Es würde hier zu weit führen, alle betriebswirtschaftlichen, sozialen und politischen Fragen klären zu wollen, die mit Pflege und Versorgung hilfsbedürftiger Menschen zu tun haben. Aber eines sollte klar sein: Eine einfache Antwort auf alle Fragen gibt es nicht. Simple Parolen wie „Das muss der Staat bezahlen“, zeugen nur davon, dass Leute, die sie verbreiten, entweder dumm oder nicht ehrlich sind. Wer ist denn der Staat? Wie hat sich das Verhältnis zwischen Arbeitenden und Ruheständlern entwickelt? Als unsere Altersversorgung konzipiert wurde, erreichten die meisten Leute das Rentenalter nicht einmal. Heute sind 30 Jahre Rentenbezug nicht selten. Das Thema ist zu wichtig, als dass man es Schwätzern oder Bauernfängern überlassen könnte. Lösungen können nur gefunden werden, wenn alle, die sinnvolle Beiträge leisten können, miteinander reden und dabei nicht die Realität von Wunschträumen verdecken lassen. Klar ist aber auch, dass aus einem Topf nur so viel verteilt werden kann, wie vorher hineingetan wurde. 

 

 

Nun wird es wieder die klugen Köpfe geben, die lautstark verkünden, man müsse nur den Bundestagsabgeordneten die unverschämt hohen Diäten kürzen und schon sei genug Geld da. Laut Bundesrechnungshof kostet uns der Bundestag jährlich knapp eine Milliarde Euro. Darin sind alle Diäten und Kosten für Abgeordnete, Verwaltung, Immobilien, Fuhrpark usw. enthalten. Viel Geld! Sparen wir uns das doch und geben jedem Bundesbürger seinen Anteil! Immerhin fast ein Euro pro Kopf und Monat. Denken hilft! Einfach mal versuchen!